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Duo Conradi-Gehlen "unspoken"
Duo Conradi-Gehlen "Sounds of Venice"

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Rezensionen

 

Erfinderisches Gitarrenspiel

Sounds of Venice. Werke von Cage, Raskatov, Dinescu u.a. (Duo Conradi-Gehlen) Eine Gitarre ist mehr als eine Gitarre, und zwei zusammen können noch viel mehr, denkt sich vermutlich das Duo Conradi-Gehlen. Die beiden haben zwar Gitarre studiert, stellen ihre Instrumentalkünste aber in einen weiten Kontext von Lautsprecherklängen, experimentellen Vokal- und Geräuschaktionen. Die Gitarre erweist sich als extrem wandlungsfähiges Instrument, der Übergang zum elektronisch erzeugten Sound ist fließend. Klangerfindungen heutiger Komponisten sind eingerahmt von zwei wunderbar frischen Versionen der seltenen Sounds of Venice von John Cage, einer hörspielähnlichen Collage aus dem Jahr 1959. Es gibt wenige Studioproduktionen, denen man die fröhliche Lust am Jonglieren mit den Klängen so unmittelbar anhören kann. (Antes BM 31.9224)

© Max Nyffeler

(September/2007)

aus: Il Fronimo Nr. 141

 

Duo Conradi-Gehlen

Sounds of Venice

Antes, BM-CD 31.9224, 2006

Vertrieb Italien: La Bottega Discantica

 

            Auf dieser schönen CD, veröffentlicht von dem deutschen Label Antes in Zusammenarbeit mit Radio Bremen und Bella Musica Edition, präsentiert das Duo Stefan Conradi und Bernd Gehlen fünf neue Werke (aus dem Jahr 2000 oder jüngeren Datums) für zwei Gitarren, zwei elektrische Gitarren bzw. für Gitarre und E-Bass. Zwei verschiedene Versionen von Sounds of Venice (1959) von John Cage am Anfang und am Ende der CD rahmen die Stücke ein.

            Liest man das Verzeichnis der CD-Tracks, so lassen die (nicht allen bekannten) Namen der Komponisten, die Dauer und die Titel der Werke vermuten, man habe es lediglich mit einer weiteren CD zeitgenössischer Musik für Gitarre zu tun. Doch rasch merkt man, dass - im Gegenteil - die Idee, mit der Musik von John Cage auf das Hören einzustimmen, ein deutliches Zeichen dafür ist, dass man im Begriff ist, eine Welt zu betreten, in der Klang als Materie – so überraschend, wechselhaft, instabil und unendlich reich – im Zentrum des Hörens steht, noch vor der Musik selbst. Die Entscheidung, den Klang ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, ist faszinierend und animiert, diese Stunde Neuer Musik komplett zu Ende zu hören, noch bevor man die Anmerkungen im Booklet der CD gelesen hat oder die Intention der Komponisten kennt.

 

Hier sind die Gitarren nie alleine im Einsatz. Die Klangkulissen einer Stadt, Geräusche von Wasser, das Zerreißen von Papier und das Echo von Schritten begleiten die Instrumente wie in Mind the Gap… für zwei Gitarristen und Ghettoblaster von Stefan Lienenkämper: konventionelle Klangmomente im Wechsel mit anderen Momenten, in denen, wie der Autor schreibt, der Einsatz von Bottleneck und Perkussionsklängen mit den Klängen aus dem Ghettoblaster einen „Handlungsstrang“ aus fragmentarischen, offenen und unbestimmten Assoziationen entfaltet, um am Ende aus diesem Geflecht neue Bedeutungen entstehen zu lassen. In Ismaïl şi Turnavítu von der rumänischen Komponistin Violeta Dinescu erweisen sich die beiden elektrischen Gitarren als überaus zarte, dezente Stimmen; ein Werk, das zwischen Resonanzen, Echos und Andeutungen von Harmonien und Arpeggien schwebt, die einander in die Stille hinein antworten. Davor kommen in Stykhyra von Alexander Raskatov Stefan Conradi und Bernd Gehlen auch selbst stimmlich zum Einsatz. Stykhyra ist unserer Meinung nach das Werk, das am meisten besticht auf diesem CD-Projekt. Das Stück geht auf einen altrussischen geistlichen Text über die Muttergottes zurück. Die Worte nach Melodien von Ivan dem Schrecklichen, anfangs noch gesungen, später dann in gleichmäßiger feierlicher Rezitation vorgetragen, sind eingebettet in Rhythmen und Klangereignisse, die nach und nach von den Gitarren und kleineren Cymbals erzeugt werden. Raskatov gilt als einer der interessantesten zeitgenössischen Komponisten aus Russland; zu den Interpreten seiner Werke zählen u. a. Gideon Kremer und das Hilliard-Ensemble. Seine hier vorliegende Arbeit erscheint uns in der Tat sehr suggestiv und bemerkenswert und wird dank der so überzeugenden Darbietung des Duos Conradi-Gehlen sicherlich noch weitere Interpreten finden.

            Die Atmosphäre verändert sich völlig in half-way house - SOLO XFACH (für Joseph Beuys) für elektrische Gitarre, E-Bass und Zuspielband des deutschen Komponisten Bernd Franke. Elektrische Instrumente und Elektronik dienen hier als reichhaltiger, flexibel formbarer, unendlich vielfältiger Fundus zur Erzeugung größtenteils nicht konventioneller Klänge und finden nur gelegentlich zu Gesten und Phrasierungen, wie sie für die sechs Saiten idiomatisch sind - ein wichtiges Thema für die aktuelle Literatur zur „Forschung“ über die E-Gitarre: So kann auf der einen Seite das Instrument für den Komponisten Gelegenheit oder Vorwand sein, um seine eigene Sprache mit der Sprache von Rock, Pop oder Jazz zu kreuzen. In anderen Fällen, wie es häufig in den Arbeiten nordamerikanischer Komponisten vorkommt, liegt bereits eine Sprache aus den verschiedenen soeben erwähnten Genres vor, weshalb der Einsatz elektrischer Instrumente praktisch zur Notwendigkeit wird. Und schließlich gibt es Komponisten, die wie Bernd Franke die historischen Bezüge des Instruments anscheinend völlig außer Acht lassen und Elektronik einfach als reines Instrument verstehen, eine wertvolle Klangquelle, mit deren Hilfe man vollkommen unabhängig selbst Forschung über den Klang und das musikalische Denken betreiben kann.

            68-Part one des deutschen Komponisten Eckhart Beinke beschreitet offenbar den ersten der drei oben beschriebenen Wege. Der Autor versteht das Stück als Reminiszenz an das Jahr 1968, an die Jugend- und Gesellschaftsrevolution, an die Verbreitung von Pop und Rock in Europa, und macht folglich die E-Gitarre zur Stimme dieser Jahre, zur Stimme von Musikern wie Tim Brady, Fred Frith und Robert Fripp. Doch wie Beinke selbst bekräftigt, entstammen Inhalt und Struktur jedoch einem anderen viel radikaleren und wissenschaftlichen musikalischen Denken; radikal ist auch die Idee, für das ganze Stück E-Bows (kleine Elektro-Bögen) zu verwenden, eine einfache, aber außergewöhnliche Erfindung, die es mit Hilfe der entstehenden Rückkoppelungen ermöglicht, die Schwingung der Saiten mit unendlichen Nuancen in Klangfarbe und Dynamik beliebig zu verlängern.

            Am Ende der CD stoßen unsere Ohren noch einmal auf Sounds of Venice in einer zweiten Version. Cage komponierte dieses Stück während eines Aufenthalts in Mailand, wo er an dem Fernsehquiz „Lascia o Raddoppia“ als Pilzexperte teilnahm (als biographische Kuriosität sei erwähnt, dass Cage dank seiner Kompetenz auf diesem Gebiet ein üppiges Preisgeld gewann, welches es ihm ermöglichte, einen neuen Transporter für die Merce Cunningam Dance Company und einen Flügel zu kaufen!). Bei dieser Gelegenheit stellte der amerikanische Komponist dem Fernsehpublikum zwei seiner Werke von jeweils 3 Minuten Dauer vor, Water Walk und seine Sounds of Venice. Die Partitur sieht den Einsatz von zwanzig Klängen vor, die sich in irgendeiner Weise auf die Stadt Venedig beziehen, sowie vier Zuspielbänder (auf denen die Glocken von San Marco, singende Gondolieri, Hupsignale der vaporetti, Schritte in den Gassen etc. zu hören sind). Wie in anderen seiner Stücke gibt Cage hier die Anzahl und die Dauer der einzelnen Klangereignisse und des Werkes insgesamt vor, während er die Auswahl der live zu erzeugenden Klänge den Interpreten überlässt.

            Diese CD zeigt also neue Aspekte für den Einsatz der Gitarre auf, für ihr Klangpotential und auch für die innere Einstellung ihrer Interpreten, die sich in Abweichung von einem eher traditionellen Verhältnis zum Instrument zu Performern und Klang-Virtuosen entfalten.

Elena Càsoli